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Der Jäger und das Wild
Der Jäger und das Wild
„Frauen sind das einzige Wild, das sich seinen Jäger selbst aussucht.“
Kapitel 1 – Der Diner
Die Geschworenen kamen zurück in den Gerichtssaal. Nur der Vorsitzende der Jury blieb stehen. Richter Hoover schaute sie erwartungsvoll an. „Meine Damen und Herren Geschworenen, sind Sie zu einem einstimmigen Urteil gelangt?“
„Ja, Euer Ehren.“
„Bitte übergeben Sie das Urteilsformular dem Gerichtsschreiber.“
Der Gerichtsschreiber nahm das Formular entgegen und verlas es laut: „In der Sache des Staates von Texas gegen Michael Willoughby befinden wir, die Geschworenen, den Angeklagten für nicht des Betrugs schuldig.“
Im Gerichtssaal herrschte einen Moment lang Stille.
„Gut. Das Urteil der Geschworenen wird als Freispruch zu den Akten genommen. Herr Willoughby, Sie sind frei und können gehen.“
Charlotte entspannte sich. Es war ein harter juristischer Kampf hier im Gerichtsgebäude von El Paso gewesen, aber sie hatte letztendlich gewonnen. Ihr Mandant verließ das Gerichtsgebäude als freier Mann. Um ehrlich zu sein, wusste sie nicht, ob er schuldig war oder nicht, und sie wollte es auch gar nicht wissen. Das Ergebnis war nicht besonders überraschend. Die Beweislage war schwach gewesen und daran hatte auch das leidenschaftliche Plädoyer des Staatsanwalts nichts geändert.
Ihr Mandant schaute sie mit einem verschlagenen Grinsen an, was Charlotte vermuten ließ, dass der Ausgang für ihn ein Sieg, für die Gerechtigkeit jedoch eine Niederlage sein könnte. Er war ein unangenehmer Mann, und sie war froh, dass der Fall vorbei war. Sie wollte ihn nie wiedersehen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, schüttelte ihm die Hand und verließ das Gerichtsgebäude. Draußen vor dem Gebäude, in der Hitze des texanischen frühen Abends, griff sie nach ihrem Handy und rief in ihrem Büro an.
„Roush Law, Eunice Delgado. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Es war Eunice, ihre Assistentin, die sich meldete.
„Eunice, ich bin’s, Charlotte. Wir haben gewonnen! Der Fall ist beendet, und wir sind diesen Arsch los. Ich bin so froh, dass ich ihn nie wiedersehen muss! Das ist das Beste daran!“
„Großartig, Charlotte. Er war so ein widerlicher Kerl. Er hat mir ständig in den Ausschnitt gestarrt“, meinte Eunice.
„Ich weiß. Bei mir hat er dasselbe gemacht, aber das ist jetzt Vergangenheit. Ich bin in ein paar Stunden zurück. Hier ist es wirklich heiß. Wenn ich nach Hause komme, nehme ich ein Bad, ein Glas Rotwein und brauche dringend etwas Entspannung!“
Charlotte lachte und überlegte, ob sie das wirklich sagen sollte. Aber Eunice war nicht nur ihre Assistentin, sondern auch eine gute Freundin.
„Ich brauche wirklich eine gründliche Entspannung! Vielleicht mit meinem neuen … du weißt schon!“
Eunice verdrehte die Augen, obwohl Charlotte das natürlich nicht sehen konnte. „Du bist wieder unmöglich, Charlotte!“
Charlotte schnaubte.
„Du bist seit meiner Scheidung meine beste Freundin. Mit wem sonst soll ich über meine Bedürfnisse reden? Okay, ich mache mich auf den Weg. Ich fahre direkt zu meiner Wohnung. Ins Büro schaffe ich es heute nicht mehr. Bis dann, Eunice!“
„Pass auf dich auf, Charlotte. Mach nichts Dummes. Wir sehen uns bald!“, sagte Eunice. Ihre Sorge um ihre Chefin war deutlich zu hören.
„Keine Sorge. Mir passiert schon nichts“, versicherte Charlotte, bevor sie auflegte.
Sie ging zu ihrem tomatenroten Mercedes SLK. Die Hitze des Tages hatte den Asphalt aufgeheizt und die Luft flimmerte wie in einem Western. Schon nach den wenigen Minuten vom Gerichtsgebäude zum Parkhaus, das nur um die Ecke lag, sammelte sich Schweiß unter ihrem BH und lief auch ihre Wirbelsäule hinunter. Sie stieg ein und startete den Motor. Die Klimaanlage blies kalte Luft. Sie atmete tief durch und genoss die Kühle, die sie umgab. Die Ledersitze klebten ein wenig an ihrer Haut, aber nach dem stickigen Gerichtsgebäude war das kühle Leder eine willkommene Abwechslung.
Die Fahrt nach Midland lag vor ihr. Flach und eintönig entfaltete sich die Steppenlandschaft von West-Texas um sie herum. Ihre Gedanken wanderten zurück zum Prozess, zu ihrem Ex-Mann und zu ihrem Leben im Allgemeinen. Mit zweiundvierzig hatte sie erwartet, dass ihr Leben gefestigt sei. Aber ihre Scheidung hatte sie hart getroffen. Sie war für einen Neuanfang nach Midland, Texas, gezogen, aber sie hatte das Gefühl, die schlechten Erinnerungen immer noch nicht abschütteln zu können.
Um sich von ihren unangenehmen Gedanken abzulenken, schaltete sie das Radio ein. „We are the Champions“ von Queen erklang aus den Lautsprechern. Sie lächelte. Ja, heute war sie in El Paso die Siegerin gewesen. Sie trommelte im Takt mit den Fingern auf das Lenkrad. Freddie war einfach der Beste, dachte sie.
Als die Sonne begann, hinter dem Horizont zu versinken, blickte Charlotte auf die Tankanzeige. Es fiel ihr ein, dass sie eigentlich noch in El Paso hätte tanken wollen. Jetzt würde sie mit der nächsten Tankstelle an der Interstate vorliebnehmen müssen. Sie beschloss, im Roadkill Diner auf der Höhe von Van Horn anzuhalten. Ein örtlicher Anwaltskollege hatte es ihr empfohlen. Es war bekannt für selbst zubereitetes Essen und kaltes deutsches Bier. Das Roadkill Diner, ein niedriges Gebäude, das sich hinter einem vom Wetter angegriffenen Neonschild duckte, teilte sich das Grundstück mit einer Tankstelle.
Als sie auf den Schotterparkplatz fuhr, bemerkte sie mehrere Motorräder vor dem Gebäude. Es waren ausschließlich Harleys, viele davon zu Choppern umgebaut.
‚Sieht aus, als wäre eine Bikergang hier eingekehrt‘ dachte sie, schob ihre Bedenken aber beiseite. Sie hatte in ihrem Leben schon einschüchterndere Dinge erlebt als eine Gruppe Männer in Lederkleidung. Charlotte tankte, bezahlte und ging ins Diner.
Die Glocke über der Tür klingelte, als sie eintrat. Die kühle Luft der Klimaanlage war eine angenehme Abwechslung von der Hitze draußen. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen und nahm den schwarz-weiß gefliesten Boden, die roten Neonschilder und die klassische Rockmusik aus der Jukebox in der Ecke wahr. Diesmal war es nicht Queen, sondern Mick Jagger, der verkündete, nicht befriedigt zu sein.
Die Luft roch nach Gebratenem und Kaffee – ein Geruch, typisch für die Diner an der Autobahn. Das Diner war halb voll mit Männern in Lederwesten, die mit verschiedenen Patches geschmückt waren. Ihre Blicke folgten ihr, als sie hereinkam. Alle trugen einen kleinen schwarzen Aufnäher mit der weißen Zahl „1 %“. Sie wusste, was das bedeutete. Das waren Hardcore-Biker – Outlaws und wahrscheinlich Kriminelle.
Ihre Absätze klickten leise auf dem abgenutzten Linoleumboden, als sie zu den Toiletten ging. Der Flur war schmal und wurde von einer einzigen flackernden Leuchtstoffröhre erhellt. Die Luft roch leicht nach Putzmitteln und altem Urin. Charlotte drückte die schwere Tür mit der Aufschrift ‚Ladies‘ auf; die Scharniere quietschten. Der kleine Raum war sauber, wenn auch eng. Ein gesprungenenes Porzellanwaschbecken, ein Spiegel, dessen Beschichtung an den Rändern abblätterte, und eine einzelne Kabine mit einem wackeligen Schloss fanden sich dort. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das machte sie wach und erfrischte sie.
Als sie sich die Hände an einem rauen Papiertuch abtrocknete, blickte sie in den Spiegel. Sie sah ihr kurzgeschnittenes brünettes Haar, das herzförmige Gesicht, die ovalen schwarzen Augen, schmale Lippen und ihre fast griechisch wirkende Nase.
„Okay“, dachte sie. „Zweiundvierzig, nicht mehr vierundzwanzig, aber immer noch in Form. Und die kleinen Fältchen um Mund und Augen machen mich zu einer Frau und nicht mehr zu einem Mädchen. Damit kann ich leben!“
Ihr Körper war durchtrainiert, ausgesprochen fit und schlank, was sie zwei Jahrzehnten intensivem Judotraining verdankte. Sie nahm zwar nicht mehr an Turnieren teil, aber sie trainierte weiterhin dreimal pro Woche im Dojo und zu Hause. Sie brauchte das. Es verbrannte Kalorien, hielt sie fit, und sie genoss einfach die Bewegungen, das angenehme Gefühl der Erschöpfung danach und den japanischen kulturellen Hintergrund des Ganzen.
„Osu!“, dachte sie und lächelte.
„Jetzt … ein Sieg vor Gericht für diesen Arsch. Die Scheidung ist endlich abgeschlossen. Ein Neuanfang, Charlotte. Ein Neuanfang!“, sagte sie zu sich selbst.
Sie holte tief Luft, strich ihr Kleid glatt und öffnete die Tür.
Die Stimmen wurden lauter, begleitet von Gelächter. Sie ging zurück in den Gastraum des Diners. Das Klackern ihrer Absätze hallte leicht wider.
Ihr Blick traf den eines Bikers. Er hatte einen langen, buschigen Bart und einen heimtückischen Blick. Seine Haut war braun, faltig und wirkte geradezu wettergegerbt. Er sah ein wenig wie ein Taliban aus und sie schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Er saß am Tresen, einen halb aufgegessenen Burger in der rechten Hand und ein Bier in der linken. Er leckte sich über die Lippen, während er sie beobachtete. Dann hörte sie ihn auch: „Reaper, hast Du die gesehen? Perfekt gebaut, um sich an ihr festzuhalten und sie auf den Schoß zu ziehen. Die ist zum Ficken geboren!“ Ein anderer Biker lachte gemein.
„Hey, Süße“, rief er mit rauer Stimme. „Wo willst du denn so schnell hin? Komm zu Papi!“
Charlottes Augen verengten sich. Sie kannte diesen Typ: aggressiv, dreist und immer auf der Suche nach Ärger. Sie ignorierte ihn, rutschte in die nächste Sitznische und konzentrierte sich auf die Speisekarte.
„Hey, Schätzchen, ich rede mit dir“, sagte der Biker, schlug mit der Hand auf den Tresen, dass das Geschirr klirrte. Im Raum wurde es still. Alle drehten sich zu ihr um.
„Aber ich rede nicht mit dir“, erwiderte Charlotte und sah dem Biker direkt in die Augen. Sie wusste, dass jedes Zeichen von Angst die Situation nur verschlimmern würde.
„Oh, ein taffes kleines Mädchen?“, grinste der Biker. Seine Kollegen am Tresen kicherten meckernd, was er wohl als Anfeuerung deutete.
„Nein“, antwortete Charlotte. „Kein Mädchen!“
Das Grinsen des Bikers wurde breiter und entblößte gelbe Zähne, verfärbt von jahrelangem Tabakkonsum und dem Fehlen einer Zahnbürste. Er erhob sich vom Hocker. Seine schweren Stiefel scharrten über den Boden, während er langsam und das Alphamännchen spielend auf ihre Sitznische weiter zuging. Die anderen Gäste taten so, als würden sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, froh, nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Gang zu stehen. Dennoch konnte Charlotte ihre Anspannung spüren. Sie wusste, was nun kommen würde.
„Was ist denn, Süße? Magst du die Gesellschaft echter Männer nicht? Bist du nur Bürohengste gewohnt?“
Er beugte sich über die Rückwand der Sitznische. Sein Atem stank nach Bier und Zigaretten. Charlotte überlegte, wie sie antworten sollte. Sie seufzte innerlich. Dieser Idiot wollte die Situation offensichtlich eskalieren lassen – er war stark, unverschämt und daran gewöhnt, dass Frauen vor ihm zurückwichen.
Charlotte wurde wütend. Sie war froh gewesen, diesen widerlichen Mandanten loszuwerden, und jetzt würde sie in diesen Streit hineingezogen werden. Das war wirklich frustrierend. Hitzköpfig wie sie war, beschloss sie, kurzen Prozess zu machen, da der Streit offenbar unvermeidlich war.
„Hältst du dich für einen Mann? Ich sehe nur ein altes Wrack, das sich nicht einmal die Zähne putzen kann und wie ein vierzehn Tage alter Kojotenkadaver stinkt!“
Ihre Worte trafen ihn wie eine Ohrfeige. Das Grinsen des Bikers verschwand und seine Gesichtszüge verhärteten sich. Er streckte die Hand aus, um ihren Arm zu packen, aber Charlotte war schneller. Sie schlug seine Hand weg und stand auf.
„Wag es ja nicht, mich anzufassen, Arschloch!“
Ihre Stimme war das einzige Geräusch, das die Stille im Diner durchbrach. Der Biker wich überrascht einen Schritt zurück. Seine Hand hatte er noch erhoben, als wollte er sie weiter packen. Sie konnte den Zweifel in seinen Augen sehen, diesen Moment der Unentschlossenheit.
„Hey, Honey, du hast ein ganz schön großes Maul für so eine kleine Fotze“, sagte der Biker, schlug erneut mit der Hand auf den Tresen, dass das Besteck klirrte. Alle Augen richteten sich auf Charlotte.
„Wenn du mich anfasst, trete ich dir zwischen die Beine!“
Im Diner herrschte Totenstille. Die Freunde des Bikers am Tresen erstarrten, ihr Lächeln verschwand. Nur Mick Jagger suchte noch immer nach Befriedigung.
„Du? Mir?“, brach der bärtige Mann in Gelächter aus und trat einen Schritt näher.
„Ich habe dich nicht gerufen. Ich will einfach in Ruhe gelassen werden. Ist das so schwer zu verstehen?“
Die Hand des bärtigen Bikers schoss nach vorn und packte ihr Handgelenk mit überraschender Kraft. Er zog sie näher zu sich und verstärkte seinen Griff. Sie spürte einen stechenden Schmerz, wollte sich dies aber nicht anmerken lassen.
Stattdessen funktionierten ihre durch jahrzehntelanges Training geschulten Reflexe. Ihr linkes Knie traf den Unterleib des Bikers.
Seine Augen traten vor Schock und Schmerz hervor. Er krümmte sich mit einem erstickten Aufschrei zusammen. Sein Griff lockerte sich, sie riss sich los und machte einen Schritt zurück. Sie blieb wachsam und behielt ihre Deckung. Sie blickte sich im Diner um und erwartete, dass seine Freunde eingreifen würden. Zwei sprangen auch auf. Doch ein anderer Biker winkte ab, und die beiden setzten sich wieder.
„Zurück“, warnte sie. Ihre Stimme war ruhig, trotz ihres rasenden Herzschlags.
Der bärtige Biker richtete sich wieder auf. Sein Gesicht war vor Ärger und Schmerz verzerrt. Er machte einen Schritt auf sie zu, sein ganzer Körper nun von Wut getrieben. Er holte mit dem rechten Arm zum Schlag aus. Er war allerdings so langsam, dass Charlotte leicht die kommende Bewegung erkannte. Sie wich dem Schlag durch eine Körperdrehung nach links in Richtung des Bikers aus und bekam dessen rechten Arm mit ihrer rechten Hand zu fassen. Blitzschnell drehte sie sich weiter und nutzte seinen Bewegungsimpuls aus. So flog der schwere Mann über ihre rechte Hüfte und landete mit einem dumpfen Rumms auf dem Rücken. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft, ein Bild, das Charlotte sehr befriedigte. Im Diner herrschte angespannte, alarmierte Stille, doch keiner der anderen Biker bewegte sich. Sie beobachteten das Schauspiel offenbar amüsiert.
„Sieht so aus, als wärst du nicht so hilflos, wie du aussiehst, Lady“, sagte der Biker, der die beiden anderen Biker zurückgehalten hatte. Er war jünger als der Mann, den sie gerade geworfen hatte. Er grinste auf eine Weise, die zu sagen schien: „Dein Stil gefällt mir.“
Charlotte war überrascht und entspannte sich ein wenig. „Fast zwanzig Jahre Judo und ein schwarzer Gürtel“, erklärte sie.
Der jüngere Biker nickte, und seine Augen leuchteten interessiert auf. „Beeindruckend“, sagte er. „Ich bin Jake. Ich bin hier der Boss. Das war ein guter Move.“
Charlotte hatte kein Interesse an Smalltalk mit einem 1%-Biker, nutzte aber die Gelegenheit, die Situation weiter zu entschärfen. „Ich bin Charlotte“, beantwortete sie die nicht gestellte Frage.
Der Bärtige, der noch nach Luft schnappte, starrte sie finster an. Doch Jake legte ihm eine Hand auf die Schulter und hielt ihn zurück. „Sieht so aus, als hättest du dir den falschen Kampf ausgesucht, Billy“, sagte Jake grinsend. „Du weißt, was ein schwarzer Gürtel ist?“
Billy grummelte etwas Unverständliches, das nach „Nee!“ klang.
„Der schwarze Gürtel ist das Zeichen der Meister. Man fängt mit einem weißen Gürtel an. Je nach dem Grad, den man erreicht, wird die Farbe dunkler. Die höchste Stufe ist der schwarze Gürtel“, fuhr Jake fort. „Du solltest Respekt zeigen.“
Charlotte grinste. „Ich glaube, er hat gerade gelernt, was ein schwarzer Gürtel bedeutet!“
Jake lachte und nickte. „Das wohl auch. Was verschlägt dich ins Roadkill Diner, Charlotte? Du siehst nicht so aus, als wärst du von hier.“
Charlotte war genervt. Jake hatte sie in den Smalltalk hineingezogen, den sie eigentlich hatte vermeiden wollen. Aber Jake hatte die Situation entschärft. Sie wollte die Flammen nicht wieder anfachen. Also spielte sie mit. „Ich bin Juristin. Ich habe gerade einen Prozess in El Paso beendet.“
Jake hob die Augenbrauen. Sein Grinsen wich einem verstehenden Ausdruck. „Ah, das erklärt einiges“, sagte er. „Du bist aufgedonnert und siehst nach ordentlich Geld aus. Billy hier ist einfach ein bisschen zu aufgeregt gewesen.“ Er blickte zu Billy, der sich langsam erholte.
„Ja, das habe ich bemerkt“, sagte Charlotte trocken.
Jake nickte, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden. „Wie wäre es, wenn du dich zu mir setzt und etwas trinkst?“
‚Scheiße‘, dachte Charlotte. ‚Ich wusste, dass das kommt. Eskaliere ich die Sache noch weiter? Zeige ich Angst, wenn ich zustimme? Übertreib es nicht, Charlotte. Du kannst froh sein, dass sie nicht alle über dich hergefallen sind. Und er ist nicht unsympathisch und hat Billy wieder in die Schranken verwiesen.‘ Sie holte tief Luft und nickte.
„Okay, Jake, aber nur einen Kaffee und Apfelkuchen.“
Jake grinste und entblößte eine überraschend gerade und weiße Zahnreihe. „Geht auf mich“, sagte er und winkte der Kellnerin.
Die Kellnerin, eine Frau mittleren Alters mit einem müden, aber freundlichen Lächeln, froh, dass der Streit vermieden worden war, nahm die Bestellung auf und ging zurück in die Küche.
Die anderen Biker hatten sich wieder ihren Gesprächen zugewandt, obwohl ihre Blicke weiterhin auf Charlotte und Jake gerichtet waren. Die Spannung im Diner hatte sich verändert. Das Rudel der Biker betrachtete Charlotte nicht länger als Beute, sondern als neue Spielgefährtin. Die Atmosphäre hatte sich von Feindseligkeit zu Neugier gewandelt.
Als sie am Tresen saßen, beugte Jake sich näher zu ihr. „Also, du bist Juristin, hm?“
„Genauer gesagt Anwältin“, stellte Charlotte klar und nahm auf dem Hocker neben Jake Platz.
Jake lehnte sich zurück und nahm einen Schluck von seinem Bier. Seine Augen musterten sie.
„Muss ein harter Job sein“, sagte er. „Immer für die Wahrheit kämpfen, hm?“
Charlotte grinste sarkastisch. „Immer für den Mandanten, manchmal für die Wahrheit!“
Jake grinste breit, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Das ist ok“, sagte er. „Wir Biker haben auch unseren eigenen Kodex.“
Charlotte erwiderte: „Davon habe ich gehört. Und ich habe den Patch gesehen!“
Jake nickte. „Ja, Ein-Prozenter. Wir sind nicht wie diese Wochenendfahrer. Wir leben das. Aber wir sind nicht alle schlecht, weißt du. Wir haben einen Ehrenkodex.“
Charlotte wurde ernst. „Jake, ich bin kein Kind mehr. Ich weiß, was Ein-Prozenter sind. Vor zwanzig Jahren wollte mein Freund den Bandidos beitreten. Das ist organisierte Kriminalität!“
Jake hob die Hand.
„Whoa, whoa, langsam, Lady. Wir sind nicht alle so. Klar, einige von uns haben … eine Vergangenheit. Aber die meisten versuchen einfach, ihr Leben zu leben, ihre Motorräder zu fahren und die Freiheit der Straße zu genießen. Wir haben Regeln, wir helfen unseren Brüdern und Schwestern und wir lassen Unschuldige in Ruhe. Hey … du hattest einen Biker-Freund?“
„Unschuldige in Ruhe lassen, so wie Billy eben? Aber lass uns über andere Dinge reden.“ Die Frage nach ihrem ehemaligen Freund bereitete Charlotte Unbehagen. „Ja, vor langer Zeit“, sagte sie mit leiser Stimme. „Aber es hat nicht funktioniert. Er war …“ Sie hielt inne und suchte nach den richtigen Worten. „Er liebte seine Harley mehr als mich.“
Jakes Grinsen wich einem wissenden Lächeln.
„Sie können ganz schön vereinnahmend sein“, sagte er und nickte in Richtung Fenster, wo die Motorräder im Abendlicht glänzten. „Aber sie können auch eine verdammt geile Fahrt sein.“
Charlotte lächelte sanft und versuchte, das Thema zu wechseln. „Was ist dein Bike?“
„Ah, die Schönheit dort drüben, das ist mein Bike“, sagte Jake und deutete mit dem Daumen auf eine elegante schwarze Harley-Davidson, die draußen stand. „So umgebaut, dass man das Ausgangsmodell kaum mehr erkennen kann. Nicht so wie die Maschinen, die du auf dem Highway siehst.“
Charlotte betrachtete das Motorrad. „Hm, ist die Basis eine Softail?“
Jakes Lächeln wurde breiter. „Ja, genauer, es ist ein Fat Boy. Fast bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Du kennst dich mit Motorrädern aus?“
Charlotte lächelte etwas verlegen. „Nein, nicht wirklich. Wie gesagt, ich hatte einen Freund, der in eine Harley verliebt war. Das hat mich ein bisschen angesteckt. Eine Zeit lang. Ich hatte nur eine gebrauchte Yamaha SR 250.“
„Das ist ein guter Anfang.“ Ein Lächeln huschte über Jakes Gesicht. „Aber nichts kommt an eine Harley heran. Vielleicht nehme ich dich irgendwann mal mit auf eine Fahrt.“
„Mein letzter Ritt“, sagte sie grinsend und machte eine kurze Pause, „… auf einem Motorrad … ist zwanzig Jahre her!“
Jake lachte. „Nun, das ist lange her. Aber das steckt im Blut. Das vergisst man nie!“
„Jake, ich habe kein Motorrad, keine Lederkombi, keine Stiefel und nicht einmal mehr einen Helm“, protestierte Charlotte.
„Keine Sorge, Honey“, sagte Jake mit einem Augenzwinkern. „Ich beschaffe alles, was du brauchst.“
Charlotte lachte. „Natürlich, um meine Maße für eine Lederkombi zu bekommen!“
Jake brach in Gelächter aus. „Guter Konter. Du hast Temperament! Das gefällt mir!“
Die Kellnerin brachte Kaffee und Apfelkuchen. Der Duft des Apfelkuchens erinnerte sie an die gedeckte Apfeltorte ihrer deutschen Großmutter. „Um ehrlich zu sein, würde ich gerne wieder Motorrad fahren“, bemerkte Charlotte nachdenklich.
Jake beugte sich näher zu ihr. Seine Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern. „Wie wäre es dann? Wenn du hier fertig bist, nehme ich dich mit auf eine kleine Spritztour.“
„Wirklich verlockend … auf einer Harley zu fahren. Aber, Jake, ich bin schon spät dran und habe noch eine lange Fahrt nach Hause. Heute nicht, bitte!“, antwortete Charlotte.
„Deine Entscheidung“, sagte Jake. Seine Lachfalten an den Augen weiteten sich. „Aber gib mir deine Karte. Ich rufe dich später an, und wir machen einen Termin aus, an dem du wieder den Wind in deinen Haaren spüren kannst.“
Charlotte zögerte einen Moment, bevor sie eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche zog und über den Tresen schob. „Okay, ich denke darüber nach.“ Sie konnte nicht leugnen, dass sie der Gedanke an eine Spritztour mit ihm reizte.
Jake nahm die Karte mit einem Lächeln und insistierte nicht weiter. „Ich sehe … Charlotte Roush aus Midland. ‚Roush‘ … was ist das, kein normales Englisch, richtig?“
„Nein“, lächelte Charlotte. „Es wird so geschrieben damit Amerikaner es richtig aussprechen. Ich habe deutsche Wurzeln. Auf Deutsch bedeutet es so etwas wie Hochgefühl, Nervenkitzel, auch Rausch.“
Jake lachte laut. „Oh ja, du bist ein Rausch. Ich habe noch nie jemanden getroffen, dessen Nachname so gut passt! Denk aber daran: Wir sind nicht alle böse. Manche von uns haben unter dem Leder ein Herz aus Gold.“
Charlotte hatte ihren Kuchen und Kaffee aufgegessen. „Also, Jake, ich muss jetzt los. Du hast meine Nummer, und wenn du Zeit, ein Motorrad, eine Lederkombi, Stiefel und einen Helm für mich hast, dann werde ich dein Angebot in Betracht ziehen. Ich weiß, ich bin fordernd!“, lachte sie.
Jake nickte grinsend. „Alles klar, Frau Anwältin. Ich melde mich.“
Die Heimfahrt verlief ziemlich ruhig. Sie schaltete das Radio aus und hörte nur das ruhige und leise Brummen des Motors und dann und wann einen LKW, den sie überholte. Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie immer wieder die Auseinandersetzung im Diner und die unerwartete Wendung durch die Begegnung mit Jake durchging. Als sie in ihre Einfahrt fuhr, war die kühle Abendluft eine willkommene Abwechslung von der Hitze des Tages. Sie betrat ihre kleine, aber gepflegte Wohnung und zog sofort ihr Kleid aus, dessen Stoff an ihrer feuchten Haut klebte.
Im Badezimmer ließ sie heißes Wasser in die Badewanne und gab etwas ihres Lavendelbades hinzu. Sie stieg in die Wanne und seufzte zufrieden, als die Wärme des Badewassers ihren Körper bis zum Hals erreichte.
Der Stress des Verfahrens und die Anspannung im Diner begannen von ihr abzufallen. Mit einem Glas guten Bordeaux in der Hand sank sie tiefer in den Schaum und spürte, wie das Wasser ihre Muskulatur sanft entspannte. Ihre Gedanken wanderten zu Jake – zu der Art, wie er seinen Blick auf ihr verweilen ließ, zu seiner selbstsicheren Stimme und dazu, wie mühelos er Billy und die anderen Biker in die Schranken verwiesen hatte. Das Letzte beeindruckte sie am meisten. Der französische Wein schmeckte kräftig. Sie schloss die Augen und ließ den Geruch des Weines sich mit dem süßen Duft des Bades vermischen. Ihre andere Hand wanderte an ihrem Körper hinab und folgte den straffen Konturen, die sie sich trotz langer Stunden im Büro und gelegentlichem Fastfood hatte bewahren können. Sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie es wäre, ihre Arme um Jakes kräftigen Körper zu legen, das Brummen seines Motorrads unter sich zu fühlen, während sie gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegenfuhren. Bald wurden ihre Gedanken fleischlicher. Sie stellte sich vor, Jake wäre ebenfalls mit ihr in der Badewanne, würde sie küssen und an ihren bereits erigierten Brustwarzen saugen. Sie stellte das Glas beiseite und widmete sich ganz ihrer Klitoris. Sie stimulierte sie mit den Fingern einer Hand, während zwei Finger ihrer anderen Hand in ihre auch vom Badewasser nasse Vagina eindrangen. Charlotte stöhnte. In ihrer Vorstellung drang Jake in sie ein und stieß hart zu. Es dauerte nicht lange, bis sich das Gefühl aufbaute. Langsam wurde es intensiver, stieg aus dem Bereich zwischen ihren Beinen empor und breitete sich aus. Dann kam sie. Ein Orgasmus erfasste sie. Sie zitterte und stöhnte laut. Schließlich ebbte das Gefühl wieder ab. Eine angenehme Erschöpfung erfasste sie. Sie schloss die Augen und döste ein wenig in tiefer Entspannung ein.
Als sie wieder aufwachte, war ihr kalt und das Wasser lauwarm geworden. Sie stieg aus der Wanne, wickelte sich in ein Handtuch und ging ins Bett. Ihre Hand glitt erneut zwischen ihre Schenkel. Ihr Körper war durch ihre Fantasie noch immer erregt. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, einen Schlafanzug anzuziehen, sondern stieg einfach ins Bett und schaltete den Vibrator ein. Sie war müde, konnte aber nicht einschlafen. Ihre Gedanken kreisten um die Bikergang und ihren Anführer Jake.
Die Vibrationen des Spielzeugs an ihrer Klitoris jagten ihr Schauer über den Rücken. Sie stellte sich vor, Jakes raue Hände würden ihre ersetzen. Er wäre zärtlich und zugleich fordernd und würde sie vor Lust schreien lassen. Sie schloss die Augen und ließ sich ganz von der Fantasie mitreißen. Das Summen des Vibrators wurde lauter, als sie die Geschwindigkeit der Vibrationen erhöhte. Ihre Fantasie ging mit ihr durch. Sie stellte sich eine Motorradtour mit Jake vor, eine Pause in der Wüste. Sie öffnete den Reißverschluss ihres Lederanzugs und zeigte Jake, dass sie darunter nichts trug. Jake wurde in ihrer Fantasie wild vor Lust und fickte sie wild wie ein Tier. Bald kam sie erneut, nun völlig erschöpft. Innerhalb weniger Minuten schlief sie dann ein.
Am nächsten Morgen wachte Charlotte mit einem Gefühl des Sieges auf. Die Erinnerung an ihre Auseinandersetzung mit Billy und die überraschende Begegnung mit Jake war noch immer präsent. Sie streckte sich genüsslich. Sie fühlte sich frei und glücklich, und so lebendig wie seit Jahren nicht mehr.
Ihre Gedanken wanderten wieder zu Jake. Es war lange her, dass sie sich begehrt gefühlt hatte, und sie konnte den Nervenkitzel, den es ihr verschaffte, nicht leugnen. Sie hatte sich schon immer zu gefährlichen Männern hingezogen gefühlt – eine Eigenschaft, die sie seit der Scheidung von ihrem Ex-Mann unterdrückt hatte.
Es war etwas Faszinierendes an einem Mann, der einen Raum voller Biker mit einer einzigen Geste beherrschen konnte, der einen Ehrenkodex hatte, selbst wenn dieser etwas außerhalb des Gesetzes stehen mochte. Sie erinnerte sich an Billys Worte über „echte Männer“.
‚Scheiße‘, dachte Charlotte. ‚Ich habe die Schnauze voll von Männern, die glauben, sie seien ‚echte Männer‘. Immer dieses Alpha-Gehabe, diese Macho-Gesten und diese sexistischen Sprüche, bei denen sich alles nur um Ficken dreht. Nicht schon wieder. Nicht noch so ein Idiot‘, dachte Charlotte.
Aber Jake war überhaupt nicht so. Er spielte nicht den harten Kerl. Er hatte es geschafft, die Prügelei mit einem einzigen Satz zu entschärfen. Er hatte nicht den dicken Max markiert, und der Smalltalk war angenehm und interessant gewesen. War er anders? Sie war sich nicht sicher. Solche Männer waren oft in der Lage, ihre Absichten eine Zeit lang zu tarnen. Jake war interessant, aber sie musste vorsichtig sein.
Am nächsten Morgen erzählte Charlotte Eunice, was im Diner passiert war. Eunice war schockiert.
„Du hast einen Biker zusammengeschlagen?“
„Nicht wirklich“, sagte Charlotte. „Ich habe ihm nur in die Kronjuwelen getreten und auf den Rücken geworfen!“
„Was zählt für dich denn als ‚zusammenschlagen‘, wenn nicht das, du Walküre?“, fragte Eunice amüsiert.
„Na ja, wenn er KO gegangen wäre!“, erwiderte Charlotte.
„Aha!“, sagte Eunice, die schnell das Thema wechselte. „Und dieser Jake – war er nett?“
Charlotte schwärmte: „Dunkles Haar, mit grauen Strähnen, genau mein Typ. Ich würde sagen, Ende vierzig. Aber er ist ein Biker, und die meisten von ihnen betrachten Frauen als Spielzeug. So ein Machogehabe brauche ich nicht noch einmal. Allerdings er war tatsächlich irgendwie anders und wollte mich zu einer Spritztour einladen.“
Eunice grinste. „Ja, klar. Du weißt doch: Wer bumsen will, muss freundlich sein. Das ist wahrscheinlich sein Motiv. Du bist interessant und siehst gut aus. Du bist genau sein Beuteschema.“
Charlotte wurde nachdenklich. „Das ist genau die Frage. Und wahrscheinlich hast du recht. Mal sehen, ob er sich überhaupt noch einmal meldet.“
Eunice lachte. „Charly, das ist fast sicher. Er ist eindeutig auf der Jagd, und du stehst auf seiner To-Do-Liste!“
Charlotte antwortete knapp: „Ich weiß, Eunice!“ Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich.
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